Archive für Juli 2009

Beziehung als spiritueller Weg

    


A        Außer dem Verliebt-Sein gibt es kaum eine Erfahrung, die sich so lebendig anfühlt, und zur gleichen Zeit so konfus ist und ‘als ob ich außerhalb meiner selbst stehe’.“  (Quote eines Schülers von John Delwood)Jahrhunderte von Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau haben in der menschlichen Psyche tiefe Wunden hinterlassen. Innerlich erfahren wir sie als einen Bruch zwischen Herz und Verstand, denken und fühlen und äußerlich als den ewigen Kampf um Macht. 

          Welche neuen Wege können wir und hoffentlich viele von uns kollektiv finden, jenseits dieser Hoffnung auf ewiges Glück oder der überholten Verpflichtung einer Ehe?

          Wenn auftauchende Schwierigkeiten nicht mehr als unerwünschte Störung gesehen werden, sondern als ein Teil des ’spirituellen Pfades der Liebe’, kann Licht in die dunklen, die unbewussten Teile unseres Wesens dringen und bisher verborgene Ressourcen aktivieren. Sie erreichen uns als Geduld, Großzügigkeit, Herzlichkeit und Mut und geben uns einen tieferen Einblick darin, wer wir sind.
Diese Verwandlung hin zu mehr Sein statt Schein entwickelt sich so ähnlich wie die homeopathischer Medizin wirkt: zunächst verstärkt sie die subtilen Symptome, intensiviert sie und damit kann erst die Heilung im Körper beginnen.

          Wenn es schwierig wird in einer Beziehung, können wir damit herum kämpfen, an Wünschen und Phantasien festzuhalten, an schon überlebten Formeln, selbst wenn sie uns weder eine Richtung weisen noch mit der Realität übereinstimmen.
Oder wir können stattdessen lernen, die Schwierigkeiten als Chance zu nutzen – zum Erwachen, dazu, feinere menschliche Qualitäten, wie Bewusstsein, Mitgefühl, Humor, Weisheit und eine angstfreie Ausrichtung zur Wahrheit hin in unser Leben zu rufen. Wenn wir diesen Weg wählen, werden unsere Beziehungen zu dem Pfad, der die Beziehung zu uns selbst vertieft.

          Damit eine Beziehung farbenfroh gedeihen kann, müssen wir sie zunächst auf eine neue Art und Weise sehen – als eine Anreihung von Gelegenheiten, um menschlicher zu werden und all jene genannten Qualitäten zu entwickeln.

          Die essentiellen Fragen, die sich innerhalb einer echten Beziehung ergeben, können zunächst irritierend sein. Es ist lohnend, sie nicht beiseite zu schieben und sie stattdessen auf sich wirken zu lassen, ohne gleich mit einer Antwort aufzuwarten. Dieses ‘damit-Sein’ (mit der schwierigen Frage)stimuliert unsere kreativen Kräfte und damit umfassende Heilung. Das ‚ich weiß nicht’ zu würdigen, ist ein weiterer, entscheidender Schritt auf dem Weg der Liebe und kann uns helfen, neue Ressourcen zu erschließen. Natürlich bringt uns diese Unsicherheit obendrein auch noch in die beängstigende Lage, das Unbekannte konfrontieren zu müssen.
Liebesbeziehungen sind nun mal nicht sicher. Früher gab es nur keine LIEBESbeziehungen. Sie demaskieren uns und liefern uns dem Leben auf stirb und gedeih’ aus – einfach durch den Kontakt mit der uns fremden Seite, dem Anderen. Wir werden nicht sehr weit kommen, in keiner Beziehung, außer wenn wir uns trauen, das Unbekannte zu untersuchen, in uns selbst, als auch im anderen.
Wir haben gelernt, daran zu glauben, dass wir mit der einen großen Liebe, ewiges Glück und Sicherheit bekommen werden. Diese Überzeugung hat dazu geführt, dass wir annehmen, unsere Beziehungen entwickeln sich auf vorhersehbarer Art und Weise, ohne großartige Anstrengung und Aufmerksamkeit.
Wie mit dem Pauschalpaket der Urlaubsreise, versagen wir uns mit dieser Annahme aber die Freude, die dann aufkommt, wenn wir neue Entdeckungen machen. Dieser ‚erlernte’ Traum von Liebe trennt uns letztlich vom eigentlich ersehnten, wirklichen Weg der Liebe.
Unsere Beziehungen können sich in Richtung Schläfrigkeit oder zu mehr Erwachen hin bewegen. Es ist an uns, eine Wahl zu treffen. Wahl Nummer eins bedeutet die Beziehung als Stütze zu benutzen, eigene Unsicherheiten zu stopfen, uns zu beweisen, das wir wertvoll sind, akzeptabel, liebenswert etc.
Daran zweifelnd, dass wir grundsätzlich etwas taugen, suchen wir in dieser Form nach Genugtuung und Trost und verstärken damit Gewohnheitsmuster wie Furcht oder Selbstzweifel.
Die zweite Wahl treffen jene, die Intimität als einen spirituellen Weg sehen, dahin lebendiger zu werden und ihn dazu nutzen, das Beste in uns zu erwecken. Hier suchen wir nicht mehr nach einem Zuhause, sondern heißen eine Kraft willkommen, die uns ordentlich durchschütteln könnte und uns auf die Bereiche des Lebens aufmerksam macht, in denen wir den direkten Kontakt mit dem Leben vermeiden.

          Die praktische Übung auf dem spirituellen Weg der Liebe heißt: 24 h am Tag jede Schwierigkeit dazu nutzen, tiefer zu gehen, sich tiefer auf sich selbst einzulassen und auf das Mysterium des Lebens, auch auf den fast unerträglichen Schmerz, der vielleicht ausgelöst wurde.

(Liv A. Koll, inspiriert durch Journey of the Heart by John Delwood)

Tanz um die Mitte


Im Mittelalter begann das christliche Europa das Erotische vom Göttlichen zu trennen. Diese Spaltung sitzt uns noch tief in den Gliedern und ist meiner Meinung nach Mitschuld an der für uns so typischen ‚Körperpanzerung’. Wir sind einfach nicht voll und lustvoll in unserem Körper. Vielen tut er sogar permanent weh. Andere sind ungelenk und nach einem Tanz-oder Körperarbeits-)Workshop ganz erstaunt, wie viel ‚Dehnung’ noch möglich sein könnte und wie ungewohnt sich das anfühlt, sich wahrzunehmen.
Für mich ist Tanzen etwas lustvolles, erotischen und heiliges(im Sinne von heilend und dem Geist zugeordnet) und mein inneres Wissen sagt mir, dass es auch Zeiten gab, in denen man in Tempeln und Kirchen tanzte, als Preisung der Schöpfung und ‚in Kommunion gehen’ mit dem Schöpfer.
Erotisch ist das Tanzen für mich, weil es die direkte körperliche Bewegung ist, die meine Befindlichkeit, meine Lust und Sehnsucht umsetzen darf, stets zwischen den Extremen auf und ab schwillt. Schnelligkeit und Stille, Leichtigkeit und Schwere, Erwartung und Erfüllung, Begierde und Abneigung etc.
Der Tanz hat aber auch etwas Heiliges, weil er nicht einzufangen, aufzuheben oder festzumachen ist, er ist wie ein Windhauch und hinterlässt keine Spuren. Eben noch auf seinem Höhepunkt, jetzt schon wieder verloschen, hinterlässt er keinen Beweis und nichts zum Vorzeigen. Darin verkörpert er das Entstehen und Vergehen der Schöpfung, ausgedrückt durch die indische Gottheit Shiva Nataraja, der das rhythmische Geschehen in der Welt verkörpert. Er weiß vom zyklischen Auf und Ab der Welt und wenn unsere Wirtschaftsbonsen sich davon ein Stück Weisheit abschneiden könnten, wäre der Angstmache ein gutes Stück Boden entzogen. Das lineare Verständnis von Entwicklungen ist einfach nicht im Einklang mit der größeren, umfassenderen Realität.
Mit den Gegensätzen zu tanzen, ganz konkret im täglichen Leben, wenn immer ich es mir erlaube oder nicht frei fließe, ist für mich die lustvollste Möglichkeit, wieder in meine Mitte zu kommen. Tanzend nähere ich mich dem Leiden an, dem Glück, der Liebe, suche Sicherheit…aber ach, die gibt es nicht, also tanze ich meine Unsicherheit, dabei verwandelt sie sich und wird auf einmal zu Wut und darin steckt Stärke. Plötzlich bin ich im Stakkato und stapfe mehr als ich tanze, um dann wieder von einer sanften Welle erfasst zu werden, die mich wiegt und auf den Boden zwingt. Irgendwann wachsen mir Flügel und die Melodien ziehen mich immer höher empor, ich fliege mit ihnen in die entferntesten Winkel dieses Universums.
Wenn der Tanz irgendwann langsam verebbt… ist die Stille da. Und umso intensiver und totaler ich zwischen den Gegensätzen herumgewirbelt bin, umso größer, wohliger und wonniger ist sie. Fragen habe ich dann keine mehr und Probleme auch nicht.
(Liv A. Koll)

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