Archive für April 2009

Mit einfachen Wörtern einnehmende Dinge sagen

Warum eigentlich fällt es vielen Menschen so schwer, sich schriftlich auszudrücken? Gerade jene, die mit der freien Rede gut zurechtkommen, stocken beim ausdrücklichen Formulieren auf dem Papier.

Hier bedarf es nur eines kleinen Umdenkens.

1) Sprache richtet sich normalerweise direkt an die Ohren. Dementsprechend formulieren Sie, als ob Sie sich an die Ohren richten würden. Beim Schreiben hängt ‘nur’ ein Vermittler dazwischen.

Ich schreibe meistens zunächst alles herunter, was mir in den Sinn kommt, unzensiert und danach specke ich ab.  Alles Überflüssige kann weg. Sowohl formal – Füllwörter -, als auch inhaltlich. Am PC ist das kein Problem mehr.

Je einfacher Sie sich ausdrücken, umso verständlicher werden Ihre Texte, und umso eher werden sie auch zum lesen verleiten.

2) Die Faustregel des Wortpflasters könnte  lauten: kurze statt lange Worte. Wann immer Sie zwischen einem längeren und einem kürzeren Wort auswählen können, fällt die bessere Entscheidung auf das kürzere.

Längere Wörter schrecken ab, warnen Sie bereits optisch vor anstrengender Lesearbeit.

3)Können Sie auf ein vielsilbiges Wort beim besten Willen nicht verzichten, teilen Sie es lieber mit einem Bindestrich in zwei Teile. Beispiel: Retortenuntersuchung und Retorten-Untersuchung.

4)Eines der übelsten Dinge, die man der Sprache antun kann, ist es, nach komplizierten Wörtern zu suchen. Vielleicht klingen Ihnen die vielen einfachen Wörter irgendwie zu vulgär. Aber Aufbauscherei ist so, wie ein eine graue Maus mit einer Divenmaske herauszuputzen.

5)Benutzen Sie den Wortschatz, den Sie auch umgangssprachlich anwenden. Das ist genau der, den Sie  benutzen, wenn Sie sich mündlich oder schriftlich äußern.

Der passive Wortschatz hingegen, umfasst diejenigen Wörter, die Sie selbst nie benutzen, aber verstehen.

Wörter aus dem aktiven Wortschatz sind allgemeinverständlich – ein großer Vorteil. Ihr Nachteil ist: sie wirken oft zu abgenutzt, um noch großartige Wirkung zu erzielen. Deshalb ist es ratsam, beim Formulieren ca. 60% der Wörter aus dem aktiven Wortschatz zu wählen und die bildhafteren Ausdrücke aus dem passiven Wortschatz mit ca. 30 % in den Text einzubringen. Das erfrischt ihn. All zu weit entfernt vom Durchschnitts-Deutsch dürfen sie aber nicht liegen. Der Text findet sonst nur geringere Resonanz, als ihm vielleicht inhaltlich zukommen müsste.

6) Neben der Wortwahl zählt auch der Satzbau. Lange Sätze überzeugen, wenn sie eine durchsichtige Satzverbindung von beigeordneten, klaren Hauptsätzen aufweisen. Dann machen sie Lust auf mehr; wieso sollte man nur ein Bissen abbeißen und mit leerem Magen ausgehen?

Manche Sachverhalte sind aber auch derart verzwickt, dass sie nach langen Sätzen verlangen.

Ein weiterer Vorteil  längerer Sätze: mit ihnen lässt sich musizieren; sie taugen besser dazu, die rhythmischen Mittel  der Sprache auszuschöpfen – damit wird es möglich, den Leser akustisch zu verwöhnen und nicht nur seinen Verstand am Laufen zu halten.

Gute Argumente finden sich aber auch für kurze Sätze, sogar mehrere: sie sind gut verständlich, lassen sich schnell lesen und die LeserInnen haben das Gefühl, voranzukommen. Der Autor ordnet bei kurzen Sätzen seine Gedanken zwangsläufig.

Tut er das nicht, zeigen die kurzen Sätze schnell, dass er nichts zu sagen hat. Die meisten Menschen sprechen nicht in langen Sätzen, mit kurzen Sätzen lassen sie sich daher leichter fesseln.

Lange Sätzen bergen folgende Gefahren:

Der Leser könnte vor dem Punkt aufhören, oder aber, er schleppt sich bis zum Satzende hin und hat inzwischen den Satzanfang vergessen. In beiden Fällen bringt das Lesen keine Selbstbestätigung, die aber zum Weiterlesen dringend benötigt wird. Sie liefert sozusagen die Energie.

Die Hauptgefahr kurzer Sätze: Sie können den Sprachfluss abkapseln und die Form in den Vordergrund drängen. Wenn der Inhalt in den Hintergrund tritt,  wird’s leider schlechter. Negativbeispiele dazu finden Sie in deutschen Illustrierten.

7) Das Wort ‚nicht’ drückt Mangel aus: Unbewusst, manchmal auch bewusst, mag der Leser das nicht. Er möchte wissen, was ist, nicht was nicht ist. Wie klingt schon ‚Keine Sonne’, gegenüber ‚Wolken’.

8)Hilfreich und erbaulich kann es sein, sich das Foto eines Vertrauten auf dem Schreibtisch zu bewahren und ihn oder sie anzusprechen während sie texten. Das mag zwar zu peinlichen Situationen oder Gefühlen führen, ist aber ein altbewährtes Hausmittel.

So viel fürs erste.

Tanz um die Mitte

Im Mittelalter begann das christliche Europa das Erotische vom Göttlichen zu trennen. Diese Spaltung sitzt uns noch tief in den Gliedern und ist meiner Meinung nach Mitschuld an der für 

uns so typischen ‚Körperpanzerung’. Wir sind einfach nicht voll und lustvoll in unserem Körper. Vielen tut er sogar permanent weh. Andere sind ungelenk und nach einem Tanz-oder Körperarbeits-)Workshop ganz erstaunt, wie viel ‚Dehnung’ noch möglich sein könnte und wie ungewohnt sich das anfühlt, sich wahrzunehmen.

Für mich ist Tanzen etwas lustvolles, erotischen und heiliges(im Sinne von heilend und dem Geist zugeordnet) und mein inneres Wissen sagt mir, dass es auch Zeiten gab, in denen man in Tempeln und Kirchen tanzte, als Preisung der Schöpfung und ‚in Kommunion gehen’ mit dem Schöpfer.

Erotisch ist das Tanzen für mich, weil es die direkte körperliche Bewegung ist, die meine Befindlichkeit, meine Lust und Sehnsucht umsetzen darf, stets zwischen den Extremen auf und ab schwillt. Schnelligkeit und Stille, Leichtigkeit und Schwere, Erwartung und Erfüllung,

Begierde und  Abneigung etc.

Der Tanz hat aber auch etwas Heiliges, weil er nicht einzufangen, aufzuheben oder festzumachen ist, er ist wie ein Windhauch und hinterlässt keine Spuren. Eben noch auf seinem Höhepunkt, jetzt schon wieder verloschen, hinterlässt er keinen Beweis und nichts zum Vorzeigen. Darin verkörpert er das Entstehen und Vergehen der Schöpfung, ausgedrückt durch die indische Gottheit Shiva Nataraja, der das rhythmische Geschehen in der Welt verkörpert. Er weiß vom zyklischen Auf und Ab der Welt und wenn unsere Wirtschaftsbonsen sich davon ein Stück Weisheit abschneiden könnten, wäre der Angstmache ein gutes Stück Boden entzogen. Das lineare Verständnis von Entwicklungen ist einfach nicht im Einklang mit der größeren, umfassenderen Realität.

Mit den Gegensätzen zu tanzen, ganz konkret im täglichen Leben, wenn immer ich es mir erlaube oder nicht frei fließe, ist für mich die lustvollste Möglichkeit, wieder in meine Mitte zu kommen. Tanzend nähere ich mich dem Leiden an, dem Glück, der Liebe, suche Sicherheit…aber ach, die gibt es nicht, also tanze ich meine Unsicherheit, dabei verwandelt sie sich und wird auf einmal zu Wut und darin steckt Stärke. Plötzlich bin ich im Stakkato und stapfe mehr als ich tanze, um dann wieder von einer sanften Welle erfasst zu werden, die mich wiegt und auf den Boden zwingt. Irgendwann wachsen mir Flügel und die Melodien ziehen mich immer höher empor, ich fliege mit ihnen in die entferntesten Winkel dieses Universums.

Wenn der Tanz irgendwann langsam verebbt… ist die Stille da. Und umso intensiver und totaler ich zwischen den Gegensätzen herumgewirbelt bin, umso größer, wohliger und wonniger ist sie. Fragen habe ich dann keine mehr und Probleme auch nicht.

(Liv A. Koll)

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